Wir geben viel Feedback – warum lernen die Schülerinnen und Schüler trotzdem nicht mehr?
Kurz gesagt
Weil Feedback kein Wirkstoff ist, den man einfach hinzufügt. Solange Rückmeldung als Bewertung ankommt, bleibt sie defensiv. Das Wertungsfreie Feedback nach Thiel verändert ihren Charakter grundlegend: weg vom Urteil, hin zur Orientierung im Lernprozess.
Vertiefung
Feedback entfaltet seine Wirkung nur eingebettet: in eine Beziehung, die Vertrauen trägt, in eine Verarbeitung, bei der Lernende wissen, wie sie weiterarbeiten können, und in Zeit, um das Gehörte tatsächlich umzusetzen. Fehlt eines davon, bleibt Rückmeldung Information – sie wird nicht zu Handlung.
Hier setzt das Wertungsfreie Feedback an, das ich seit über zwanzig Jahren in Fortbildungen vermittle. Die Rückmeldenden urteilen nicht („gut“, „zu schnell“, „überzeugend“), sondern schildern, wie das Gehörte auf sie gewirkt hat – gestützt auf Notizen, die sie während des Zuhörens gemacht haben. Der Fokus liegt auf dem Inhalt, nicht auf der Person.
So entsteht ein Dialograum, dessen Meta-Botschaft lautet: Hier wird zugehört. Lernende können verstehen, reflektieren und weiterarbeiten. Feedback wird damit nicht nur Information, sondern Motor für echtes Lernen. Eine Rückmeldung aus einer meiner Fortbildungen bringt es auf den Punkt: „Es ist paradox: Das wertungsfreie Feedback ist eine der höchsten Formen der Wertschätzung.“ (zitiert nach Thiel 2022, S. 51)
So kann es aussehen
Nach einer Präsentation sagt eine Mitschülerin nicht „Das war gut, aber zu schnell“, sondern: „Bei deinem zweiten Beispiel habe ich zum ersten Mal verstanden, warum der Preis steigt. Bei den Zahlen danach habe ich den Faden verloren.“ Kein Urteil, keine Note – aber eine klare Orientierung für die Überarbeitung.
Offen bleibt
Wertungsfreies Feedback ersetzt nicht die Leistungsbewertung, die Schule nun einmal verlangt. Offen bleibt, wie man beides so trennt, dass Rückmeldung nicht doch als verdeckte Note gehört wird. Mir hilft eine klare zeitliche Trennung: erst Rückmeldung und Überarbeitung, später – im Notendialog – die Bewertung.
